Während der Suche nach einem Zuhause im Grünen haben wir uns immer vorgestellt, wie wir ein graues Entlein in einen weißen Schwan verwandeln würden. Wie wir die Seele und den Geist des Hauses erst unter Schichten miefiger Tapete und PVC Boden freilegen müssten. Auf der einen Seite war dieser Gedanke einer kleinen Schatzsuche sehr schön. Auf der anderen Seite war es aber auch ein unglaublich schönes Gefühl das erste Mal einen Fuß in unser Siedlerhaus zu setzen und all das Verborgene bereits spüren zu können. Ganz ohne Spekulation.

Wir haben euch das Haus übrigens letzten Herbst schon einmal gezeigt. Nur hätten wir uns zu diesem Zeitpunkt nie erträumt, es bald unser Eigen nennen zu dürfen. Damals haben wir es einfach nur bewundert, genossen und uns darauf gefreut, diesen Schatz von Knut und Christina vom Gutshaus Rensow, bald wieder einmal als Ferienwohnung mieten zu können. Die Begegnung mit den beiden war für uns damit nicht nur eine Bereicherung auf menschlicher Ebene, hat uns nicht nur zu neuen Gerichten und Geschichten inspiriert, sondern am Ende unseren Lebensweg in neue Bahnen gelenkt. Völlig unerwartet kam die Frage von Knut und Christina, ob wir uns vorstellen könnten dort, im Siedlerhaus in Rensow, zu leben. Trotz Begeisterung für das Haus, war da ein Funken Zweifel. Der Traum vom eigenen Heim ist schön und gut, es aber so real vor sich stehen zu haben, ist dann doch etwas anderes. Uns wurde nach dem kurzen Zögern aber ganz schnell klar, dass sich so eine Chance nie wieder bieten würde. Allein diese Lage! In Felder gebettet, nur einige hundert Meter vom Gutshaus Rensow entfernt, in dem wir letztes Jahr so viele tolle Tage verbracht haben. Mit all den Menschen drumherum,

die wir so lieb gewonnen und die unsere Sichtweise auf manche Dinge verändert haben.

Mit ihrer Liebe zu alten Häusern und ihren Gedanken dazu haben uns Knut und Christina einen neuen Blick auf die Patina des Alters gegeben. Wir schätzen schon immer Gebrauchtes und dessen Spuren, die so viele Geschichten erzählen. Langsam wird uns aber immer bewusster, weshalb. Knut und Christina haben uns zum Beispiel den Begriff Wabi näher gebracht. Er steht im Japanischen für das absolut Einfache und Unverfälschte und für die Schönheit die den unprätentiösen Dingen innewohnt. In diesem Sinne möchten wir im Siedlerhaus das weiterführen, was die beiden dort schon angefangen haben – den Charakter und die wesentlichen Elemente der bereits bestehenden Strukturen hervorheben. Lehm, Mauerwerk, abgenutzte Dielen, abblätternde Farbschichten. All das wird fast schon zu abstrakter Kunst, auf der die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Dies möchten wir durch organische Materialien, wie pflanzlich gefärbte Naturfasern und Kalkfarben, unterstützen.

Dabei ist es uns wichtig erst ein Gespür für die richtige Auswahl der Materialien und Farben zu entwickeln – das Haus zu bewohnen und zu beobachten. Allein das Spiel von Licht und Schatten trägt einen großen Teil zu unseren Entscheidungen bei. Durch Licht und Schatten bekommen nicht nur Farben oder Räume ihre Wirkung, sondern auch gezielt platzierte Objekte, die ihre Schönheit erst im Muster ihres Schattens voll entfalten. Diese Objekte zu finden, wird sicher seine Zeit brauchen. Uns bereitet es aber große Freude nach diesen Schätzen zu suchen.

Für die passenden Farben, auf denen Licht und Schatten tanzen können, haben wir uns bereits entschieden. Die Kalkfarben von Bauwerk Colour*, die im Einklang mit der Natur hergestellt werden, haben es uns angetan. Besonders die warmen Töne, die den Eindruck vermitteln, man hätte Ton, Lehm und Erde an die Wand gebracht. Sie passen perfekt in dieses Haus und zu dem Gefühl, welches wir damit verbinden. Es ist immer wieder großartig Unternehmen zu entdecken, bei denen uns nicht nur die Produkte überzeugen, sondern auch die Philosophie dahinter. Diese Kalkfarben werden mit Ton, Mineralien und natürlichen Pigmenten hergestellt. Sie enthalten weder Biozide oder andere schädliche Zusätze, noch werden während des gesamten Herstellungsprozesses, der zu 100% aus Ökostrom erfolgt, Chemikalien an die Umwelt abgegeben.

Auch wenn wir unsere Lieblingsfarbtöne schon ausgewählt haben, möchten wir sehr behutsam vorgehen und uns mit allen Entscheidungen genügend Zeit lassen. Denn das Haus hat seinen eigenen Kopf, lässt sich nicht verbiegen. Wir sind diejenigen, die vom Haus gelenkt werden. So wollten wir zum Beispiel farblich mit den Holzpaneelen spielen, die in sanften Grautönen gestrichen waren. Als wir bemerkten, dass sich dahinter noch Tapete befand, die im Laufe der Jahre Feuchtigkeit gespeichert und damit den Putz porös gemacht hat, waren wir kurz ratlos. Solche anfälligen Stellen bewusst zu belassen kam für uns nicht in Frage. Alle Paneelen zu entfernen war aber ganz und gar nicht die Idee gewesen. Unsere Gedanken zur farblichen Gestaltung waren damit vorläufig über den Haufen geworfen und natürlich auch der Zeitplan. Solche unerwarteten Zwischenfälle mögen im ersten Moment ärgerlich sein, wir möchten sie aber eher als besondere Geschenke sehen. Unter der Holzverkleidung, Tapete und abbröckelndem Putz kam das Mauerwerk mit Lehm und Backsteinen zum Vorschein.

Und damit wieder ganz neue, natürliche Strukturen und Farben, die man nur finden, nicht aber künstlich erzeugen kann. Die Wand bis auf das Mauerwerk freizulegen bedeutet auch, eine Geschichte sichtbar zu machen. Nun ist die Geschichte unseres Hauses keine hunderte von Jahren alt aber immerhin wurden Steine und Lehm – rohe, schmucklose, solide Materialien – schon vor 70 Jahren zusammengefügt.

Siedlungshäuser sind einfach gebaute, meist freistehende Häuser mit geringer Wohnfläche, dafür aber einem großen Grundstück. Sie wurden vor allem nach dem ersten Weltkrieg gebaut und teilweise erwerbslosen Menschen oder Flüchtlingen zur Selbstversorgung zur Verfügung gestellt. Zu den Häusern, die aufgrund von Materialmangel meist aus recycelten Baustoffen errichtet wurden, gehörten oft Ställe und Nebengelasse. Größere Gebäude, wie zum Beispiel alte Scheunen, wurden abgerissen, um daraus mehrere kleinere Häuser zu bauen. So befinden sich im vorderen Bereich unseres Hauses, der ursprünglich als Stall genutzt wurde, wohl bis zu 300 Jahre alte Balken, die dort Ende der 1940er Jahre eine neue Verwendung gefunden haben.

Jeden Tag entdecken wir einen weiteren Teil dieser Geschichte. Wenn wir mit den nackten Füßen erst über die kalten, unebenen Backsteine gehen, dann über warmes, angegrautes Holz. Wenn wir aus dem Fenster schauen – der Blick lässt an ein Gemälde denken, das sich über das Jahr hinweg verändern wird. Wenn die Flammen im Ofen ihre Schatten auf die Wände werfen. All diese Kleinigkeiten erzählen uns etwas über diejenigen, die das Haus gebaut und darin gelebt haben. Diese einfachen Dinge überhaupt wahrzunehmen, ist wahnsinnig inspirierend und auf eine Art beruhigend. Sie lassen uns spüren, was da Vinci wohl damit meinte, dass die Einfachheit die höchste Stufe der Vollendung sei.

20 Kommentare

  • Liebe Susann, lieber Yannic, ich freue mich schon jetzt, dass ich dieses, euer Haus persönlich kennenlernen darf. 😘

  • Hey Ihr Zwei, wir saugen ja eh immer alle Eure Beiträge auf, aber dieses Projekt finden wir besonders spannend. Wir renovieren ja auch ständig und machen viel selbst, aber Eure Herangehensweise ist neu, spannend und wie immer künstlerisch. Wir sind sehr gespannt Euch weiterhin dabei beobachten zu dürfen. 😍
    Liebe Grüße von uns

    • Danke noch einmal ihr beiden! Wir freuen uns riesig über eure Worte! Schön zu lesen, dass wir euch mit unserem Ansatz inspirieren konnten :) Alles Liebe und bis bald, Yannic & Susann

  • Wahnsinnig tolles Haus und was Ihr daraus macht! Wundervoll! :) Und die Farben sind ja mal richtig Klasse, jetzt müsste man sich nur mal entscheiden können. ;) Danke für die Inspiration und ich bin gespannt wie Ihr das Haus noch verzaubert.
    Liebe Grüße,
    Johanna

    • Haha, genau dieses Problem hatten wir auch Johanna. Sie sind einfach alle so toll! Aber irgendwann hat man es dann raus und merkt einfach, was zum Raum passt. So ging es uns zumindest. Liebe Grüße, Susann

  • Irre! Im Herbst schriebt ihr in ein Kommentar: „…und ins Siedlerhaus könnten wir sofort einziehen!“ Wie cool ist das denn? Ich kann förmlich den Geruch des Heißbläsers mit abgehenden Lack riechen, und den Staub von abbröckelnden Putz! Altbausanierung at it’s best! Ich bin gespannt! Wollt Ihr denn Euren Wohnsitz ganz aus Berlin raus verlegen? Herzlichst, Tina

  • Ihr beiden,
    Richtig spannen und schön sieht der Prozess des Werdens bei euch aus. Ich kann mir gut vorstellen, wie euer Haus zunächst ein Projekt und irgendwann richtig euer zu Hause wird. Großartige Fotos und vielen lieben Dank, dass ihr uns Leser mitnehmt.

    Liebste Grüße
    Eure Cara

    • Liebe Cara, das hast du schön geschrieben! Wir fühlen uns hier zwar schon sehr wohl aber ein richtiges Zuhause ist es tatsächlich noch nicht geworden. Genau darauf freuen wir uns jetzt schon riesig. Wenn wir unsere Kleidung nicht mehr in einem kleinen Köfferchen aufbewahren, die Zahnbürsten nicht mehr zwischen Berlin und Mecklenburg pendeln, wir die Betten nicht jedes Mal mit Folie abdecken müssen, weil überall noch renoviert wird. Aber jeden Tag lassen wir ein bisschen mehr von uns im Haus und das ist toll. Alles Liebe, Susann

  • Thanks Yannic & Susann to share this post with us. This is really inspiring!
    I love the way your are talking about the importance of the light, the objects and the natural colors and I’m glad you found the house of your dream!

    See you soon guys and carry on inspiring us

    • Dear Coralie, we can’t wait to remove all the renovation stuff and see the final result. Hopefully everything will come together as we imagine it now. It’s so exciting and so much fun to write about. We’re absolutely happy to read that we can inspire others with our thoughts! Hugs, Susann

  • Bin sehr gespannt wie es weiter geht. Mindestens für die Fotos können eure Werkzeuge noch einiges an Gebrauchsspuren vertragen.
    Gruß Axel

    • Hi Axel, wenn du mich fragst, haben zumindest die Spachtel langsam genug Gebrauchsspuren. Diese Türen von ihren tausend Lackschichten zu befreien, ist gerade wirklich mühsam und etwas deprimierend haha. Gefühlt eine halbe Stunde ohne Erfolg an der selben Stelle herumzukratzen ist nicht gerade zufriedenstellend. Aber egal, ich will mich nicht beschweren! Dafür kauft man ja ein altes Haus und keinen Neubau. Wenn erst einmal alles fertig ist, werden genau solche Dinge schon wieder vergessen sein. Da bin ich mir ganz sicher. Ansonsten sind wir selbst sehr gespannt, wie es weiter gehen wird! Unsere Ideen entstehen und verändern sich nach und nach und so langsam wird ein Bild daraus…wir freuen uns, dass so viele unserer Leser Lust haben uns bei diesem Prozess zu begleiten! Liebe Grüße, Susann

  • Da habt ihr aber wirklich eine Perle (und ein gutes Stück Arbeit) gefunden. Kehrt ihr Berlin komplett den Rücken?

    Liebe Grüße,
    Sarah

    • Liebe Sarah, wir werden unsere Wohnung in Berlin vorerst behalten. Immer mal wieder müssen wir dann doch beruflich dort sein aber wir möchten natürlich so viel Zeit wie möglich in unserem Häuschen verbringen. Noch steht aber der Internetanschluss aus. Drück uns die Daumen, dass das alles so klappt, dass wir von hier aus auch gut arbeiten können. Liebe Grüße, Susann

  • Tolle Seite und ich liebe den unvollkommen Aspekt der Einrichtung, man wird nicht müde vom ansehen. Kann man die Limewash Methode auch an normalen Wänden innen anwenden oder muss die Wand unverputzt sein.
    Lg und alles gute für das neue Heim. Elvira

    • Liebe Elvira, wir haben die Kalkfarbe auf den unterschiedlichsten Untergründen gestrichen. Was wir besonders daran lieben ist, dass sie die bestehenden Strukturen auf der Wand nicht überdeckt. Aber zum Beispiel unser Schlafzimmer war bereits weiß gestrichen und das Dunkelgrau sieht trotzdem wunderschön und lebendig aus. Du kannst dir bei Bauwerk auch Probetöpfchen bestellen und einfach einmal testen. Ansonsten helfen Bronwyn und Andreas auch immer gerne bei Fragen. Wir hatten einige ;) Liebe Grüße, Susann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter

Keine neuen Rezepte, kulinarischen Geschichten und Events mehr verpassen! Trage dich in unseren Newsletter ein und erhalte eine Nachricht über alle Krautkopf Neuigkeiten und neuen Beiträge. 

Danke fürs Registrieren.

 

Um Missbrauch durch Dritte vorzubeugen, haben wir dir einen Bestätigungslink an deine E-Mail Adresse gesendet. Bitte öffne diesen um die Newsletter Anmeldung zu bestätigen.

Scroll to top