Jedes Jahr bepflanzen wir unseren Balkon und scheinen dabei einiges richtig zu machen, wenn man sich die Ausbeute anschaut. Herrliche Tomaten, zahlreiche Gurken, Kräuter, Salate, bunte Möhren, Beten und Radieschen, Erbsen, Zucchini und letztes Jahr sogar einen ganzen Korb voll Auberginen, haben wir schon auf dem Balkon geerntet. Und das alles ohne wirklich Ahnung vom Gemüseanbau zu haben. Zu unserem Erfolg gehörte bisher also in erster Linie eine große Portion Glück. Das wollten wir unbedingt ändern und haben uns für dieses Jahr vorgenommen, eine Art Praktikum in einer Gärtnerei zu machen. Über das ganze Jahr verteilt möchten wir immer wieder ein paar Tage mithelfen, um einen kleinen Teil des täglichen Ablaufes kennenzulernen. Den perfekten Ort dafür haben wir ganz zufällig gefunden. Erinnert ihr euch noch an unseren Ausflug nach Rensow? Dort haben wir zum ersten Mal von Gretes Gärtnerei erfahren. Grete betreibt in einem kleinen Dorf in Mecklenburg, etwa zwei Autostunden von Berlin entfernt, ihre Öko-Gärtnerei mit Samenbau und Gemüseverkauf mit einer bäuerlichen und nachhaltigen Produktionsweise. Es ist viel Handarbeit gefragt, um die alten Gemüsesorten, die es ihr besonders angetan haben, anzubauen. Helfende Hände sind demnach immer willkommen. Jetzt im Frühling ist natürlich besonders viel zu tun. Schließlich muss das Gemüse für die Saison gesät werden oder ist schon bereit zum Pikieren und Setzen.

Für uns ging es am Sonntag Mittag, nach einer kleinen Führung über den Hof, direkt ins Gewächshaus.

Die warmen Sonnenstrahlen mussten ausgenutzt werden, denn eine ganze Menge kleiner Tomatenpflanzen wartete darauf, endlich pikiert zu werden. Und wir reden hier nicht von 50, 100 oder 500 zarten Pflänzchen, sondern von mehreren tausend.

Grete baut ca. 60 alte Tomatensorten in allen Größen, Formen und Farben an. Wahnsinn! Was uns abgesehen davon ziemlich überrascht hat war, dass Grete uns nach einer kurzen Einweisung direkt uns selbst überlassen hat – es wartete genug andere Arbeit auf sie. Für uns war das ein riesiger Vertrauensbeweis, denn immerhin waren wir nun für das Wohlergehen vieler ihrer Pflanzen und damit auch für den späteren Ertrag verantwortlich.

Wir verbrachten einige Stunden bzw. Tage mit Pilu, Oeuf de Pigeon, Orange Banana, Green Zebra, Black Cherry, Friesje, Pernau Orange, Danko, Black Plum, Kariolle, Negro Azteca, Dikaja Rosa, Guernsey Island, Bianca Cherry, Persimon und wie sie noch alle hießen. Das Pikieren hatte eine so beruhigende Wirkung auf uns, dass wir immer wieder erstaunt über die geschaffte Menge waren, sobald wir mal wieder von den Pflänzchen aufschauen mussten, um neue Pflanztöpfe, Erde oder Wasser zu holen. Das ganze Klima im Gewächshaus entführte uns in eine andere Welt. Vom kalten, windigen, teilweise regennassen Draußen in diese warme Gemütlichkeit zu kommen, den Duft der feuchten Erde in der Nase, war einfach herrlich. Wir haben uns sofort wohlgefühlt.

Sieben Jahre nach der Gründung der Gärtnerei bewirtschaftet ein siebenköpfiges Team sieben Hektar Ackerland und zwei Hektar Weideflächen. Ganz schöne viele sieben. Ein Hektar wird vorwiegend für die Saatgutgewinnung genutzt, auf zwei Hektar wird Gemüse angebaut.

Der Hof ist Teil des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft, d.h. es schließt sich eine größere Gruppe an Menschen direkt mit einem Landwirt oder einer Landwirtin zu einer Gemüse-Versorgungsgemeinschaft zusammen. Die Gruppe garantiert eine bestimmte Abnahme, der Anbau wird vorfinanziert und die Erträge und Risiken geteilt. Grete bekommt damit ein Einkommen, mit dem sie rechnen kann und kann so zum Beispiel weitere Mitarbeiter einstellen. Als Mitglied der Gruppe kann man die Wirtschaftsweise und Anbaupläne beeinflussen, Einblicke in die Produktion bekommen und natürlich auch daran teilnehmen. Da die Gruppe den tatsächlich entstehenden Aufwand bezahlt, kann unabhängig von Marktpreisen eine Landwirtschaft betrieben werden, wie sie sein sollte: ökologisch, naturnah, Ressourcen schonend. In Berlin gibt es die Gruppe „Kiez & Land“ in Schöneberg, Treptow und Pankow. Die Gruppen werden während der Saison (Mai bis November) von Grete direkt einmal wöchentlich mit einem Ernteanteil beliefert. Weitere Infos findet ihr hier: www.kiezundland.wordpress.com

Gewohnt haben wir während unseres Praktikums in einem der zwei Ateliers im Kammergarten. Gretes Freund Jörg hat den historischen Pferdestall in ein ganz besonderes Bauwerk verwandelt. Es beherbergt nun eine Sommerküche sowie einen Hofladen und als zentrales neues Element einen Garten in Mauern. Dieser wird jeden Sommer von Gartenkünstlern neu gestaltet. Wir träumen schon davon im Spätsommer oder Herbst eine lange Tafel im Kammergarten aufzubauen, mit Lichterketten beleuchtet und vom Duft von gegrilltem Gemüse umhüllt.

Grete und Jörg sind übrigens beide Künstler, was sicher ein Grund dafür ist, dass sie für jede Idee zu haben sind. Es macht so viel Spaß mit den beiden herumzuspinnen und ihre Projekte zu bewundern. Ihre Herzlichkeit und Kreativität ist unglaublich toll und ansteckend.

 

Habt ihr auch Lust aufs Gärtnern bekommen? Grete bietet nicht nur unsere pikierten Tomaten, sondern auch freilandtaugliche Paprika, Andenbeeren (Physalis) und andere Gemüsejungpflanzen auf verschiedenen Jungpflanzenmärkten an. In Berlin könnt ihr z.B. am 22.04. von 10-18 Uhr in der Markthalle Neun vorbeischauen.

Wir freuen uns schon, im Juni auf den Hof zurück zu kommen und sind gespannt, wie unsere Babies sich dann entwickelt haben.

18 Kommentare

  • Das habt Ihr mal wieder wunderschön umgesetzt und Eure Fotos machen Lust, gleich loszufahren und selbst mit anzupacken.
    Ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Fotos !
    Liebe Grüße, Klaus

  • Wunderschöne Eindrücke! Wir bauen auf unserem Allgäuer Hof auch allerlei Gemüse und Obst selbst an. Ich als waschechte Berlinerin habe mir vieles selbst und durch meinen Mann angeeignet. Unser Hof mit Bauernküche und Garten sind fester Bestandteil unseres Lebens. Leider haben wir ein kurze Ernteperiode, da das Wetter hier am Fuss der Alpen auf 800 m.ü.M. mitunter recht rauh und eigensinnig ist. Unsere kunterbunte Hühnerschar wird übrigens genau wie Gretes von einem bildhübschen, absolut braven und pflichtbewussten Vorwerkhahn gehütet. Wir sind immer noch auf der Suche nach 2 oder 3 reinrassigen Vorwerkhennen, leider gibt es davon wenige. Viel Spaß beim Gärtnern! Wir profitieren immer wieder von euren schmackhaften Rezepten! Grüße aus dem Allgäu von Hilke und Björn

    • Ihr beiden, die Beschreibungen eures Hofes klingen herrlich! Auch wenn die Ernteperiode nur kurz ist, ist die Kulisse dafür bestimmt atemberaubend! Wir drücken die Daumen, dass ihr eure Traumhennen noch findet :) Frohe Ostern, Yannic & Susann

  • So, jetzt habe ich mich heute früh mit einem Tee ins Bett gekuschelt und euren herrlichen Artikel gelesen. So herrlich wunderbar! Bitte macht weiter so <3

  • Hallo Ihr Beiden!
    Das mit dem Gärtnerpraktikum ist ja eine tolle Idee! Ich habe mir bisher die meisten Sachen in meinem Schrebergarten im Kleinen selbst erarbeitet, aber da geht natürlich auch immer wieder eine Menge schief… Euer Praktikums-Ausflug macht jedenfalls Lust auf Nachahmung. Wer braucht da noch Yoga-Retreats, wenn er bigtime Tomaten pikieren kann! Falls Ihr mögt, könnt Ihr mich gerne mal in meinem virtuell Garten besuchen.
    Liebe Grüße, die Hauptstadtgärtnerin

    • So macht es doch am meisten Spaß! Auch wenn es deprimierend sein kann, wenn es mal nicht klappt ;) Von Hamburg aus ist Gretes Hof übrigens genauso weit weg, wie von Berlin. Schau doch einfach einmal vorbei! Sie würde sich bestimmt über wissbegierige Hilfe freuen :) Hab ein schönes Wochenende, Susann

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